Zorn in Energie verwandeln: Ein Abend über „Friedenstüchtig werden“
20. Okt 2026
„Friedenstüchtig werden“ heißt das Buch, das Wigbert Tocha 2026 veröffentlicht hat, mit dem Untertitel „Überredung zum Pazifismus“. Bei der Buchvorstellung sprachen Moderatorin Ruth Aigner, der Autor und der Theologe und Friedensaktivist Clemens Ronnefeldt über die Gründe, die Tradition und die Hoffnungen des Pazifismus.
Wigbert, der schon in der Friedensbewegung der 80er Jahre aktiv war, schrieb das Buch aus Trauer und Zorn über das wachsende Kriegsdenken. Ihn beschäftigen Kanzler Merz’ Rede von der „Drecksarbeit“, Medien, die Feindbilder wohlwollend begleiten, die Wiederkehr des „gerechten Krieges“ und eine EKD-Denkschrift, die Atomwaffen für sinnvoll hält. Er nennt das eine ethische Verirrung und Verrohung, denn Menschenrechte lassen sich nicht herbeibomben. Aus der Emotion wurde Argumentation: Er wollte die Argumente der Pazifisten stark machen.
Auch Clemens’ Haltung hat biografische Wurzeln. Sein Vater wurde mit 17 zur Wehrmacht geholt, in der Ukraine schwer verwundet und sagte später, er sei nach dem Krieg „emotional tot“ gewesen. Clemens wuchs 200 Meter von der Grundschule entfernt auf, in der Nähe des früheren KZ Osthofen, und erlebte später in Flüchtlingslagern, was Krieg anrichtet. Sein Fazit: Keiner der Kriege, die er erlebt hat, brachte mehr Demokratie.
Wigbert verortet den Pazifismus in einer langen Tradition, die von der Bergpredigt über Kant („Krieg schafft kein Recht“) bis zu Gandhi und Einstein reicht. Für das 21. Jahrhundert nennt er vier Bausteine: Entfeindung, gewaltfreie Mittel, eine Friedensordnung im Sinne Kants und den Anspruch, dass Pazifismus eine politische Aufgabe ist. Clemens ergänzt, „Leistet dem Bösen keinen Widerstand“ bedeute keine Passivität, sondern aktive Gewaltüberwindung, die das Gewissen des Gegenübers anspricht. Mit Nietzsche und C. G. Jung warnt er, wer Monster bekämpfe, werde leicht selbst eines. Im gelesenen Kapitel „Pflicht zur Entfeindung“ heißt es ähnlich: Frieden ist der Weg, die Wahl der Mittel ist entscheidend, und die Entfeindung beginnt bei einem selbst. Das Denken in Gut und Böse treibe die Eskalation an, und mit Egon Bahr gesprochen folge Politik Interessen, nicht Werten.
Scharf fällt die Kritik an den Kirchen aus. Clemens lobt die klaren Worte der Päpste Franziskus und Leo, vermisst sie aber bei der deutschen Bischofskonferenz, die sich dem Militär und der Politik annähere. Wigbert nennt die EKD-Denkschrift eine „Kriegsschrift“. Sie spreche dem Pazifismus die ethische Begründbarkeit ab und rechtfertige Krieg als „rechtserhaltende Gewalt“. Clemens erinnert an die Kirchen im Ersten Weltkrieg und an die frühen Christen, die „Schwerter zu Pflugscharen“ bereits erfüllt sahen, bis Augustinus die Verheißung ins Jenseits verlegte.
Auch die Rüstung kritisiert Wigbert grundsätzlich. Er fordert eine radikale nationale Entmilitarisierung, mit Ausnahmen für internationale Eingriffe bei schweren Völkerrechtsverletzungen. Mit Franziskus und Einstein hält er fest: Rüstung schützt nicht vor Krieg, sie ist der Weg dorthin. Zudem folge sie einer Logik des „Immer mehr“, die knappe Ressourcen verschlingt.
Am Ende steht die Hoffnung. Clemens nennt Umfragen, nach denen Mehrheiten in Russland und der Ukraine Verhandlungen wollen, dazu steigende Kriegsdienstverweigerungen, Jugendproteste gegen die Wehrpflicht und Friedensarbeit an Schulen. Wigbert versteht den Pazifismus als „reale Utopie“. Die Geschichte von der UN über die Entspannungspolitik bis zur OSZE zeige Fortschritte, und die Forschung belege, dass gewaltfreier Widerstand erfolgreicher ist und Demokratie danach zehnmal wahrscheinlicher macht. Ruth schließt mit dem Gedanken, dass alle im Saal Multiplikatoren dieser Hoffnung seien.
Friedenstüchtig werden
Überredung zum Pazifismus
292 Seiten
Erscheinungstermin: 11.2.2026
ISBN: 978-3-96317-443-8
Büchner-Verlag, Bahnhofstraße 5, 35037 Marburg
Eine Veranstaltung von pax christi mit dem Münchner Bildungswerk und dem Münchner Friedensbündnis
Die Aufzeichnung des Gesprächs ist unter https://youtu.be/l7G0Xbi4igE abrufbar.